Eine Karte der Klänge von Tokio

„Das ist ein sehr sinnlicher Wein“, erklärt Weinhändler David seiner Kundin. Das folgende Gespräch führt zu einer Einladung zum Abendessen, aber natürlich ahnt David nicht, dass die zierliche Ryu ein Doppelleben führt. Die unscheinbare Fischmarktverkäuferin verdingt sich hin und wieder als Profikillerin. Ihr neuer Auftrag: David. Ein erfolgreicher Geschäftsmann macht ihn nämlich dafür verantwortlich, dass seine Tochter Selbstmord aus Liebeskummer beging. Über seine Assistentin ließ er einen Profikiller suchen, und die Wahl fiel eben auf Ryo. Als die sich nun in ihren aktuellen Auftrag verliebt, beginnt die Geschichte kompliziert zu werden…

Die Spanierin Isabel Coixet etablierte sich mit Mein Leben ohne mich und Das geheime Leben der Worte fest in der Landschaft des europäischen Kunstkinos. Immer wieder geht es ihr um das Risiko von Beziehungen, Sprachlosigkeit und dem Mut zur offenen Kommunikation. Coixets junge Frauen werden aus ihrem gewohnten Lebenszusammenhang gerissen, erleben in Begegnungen mit teils wesentlich älteren Männern gefährdete Zeiten des Glücks und versuchen sich in Doppelexistenzen wie Ryu. Die Abwesenheit der Liebe, Entfremdung und Vereinsamung, das ist es, wovon das Melodram letztlich schmerzlich erzählt. Komischerweise wirkt die Geschichte, dass eine Killerin auf dem Fischmarkt schuftet, nicht sofort unglaubwürdig. Das liegt nicht zuletzt an der zerbrechlich, unschuldig geheimnisvollen Ausstrahlung der 29jährigen Rinko Kikuchis. Das ehemalige Model verkörpert faszinierend eine Frauengestalt angesiedelt zwischen Björks Dancer in the Dark und Wong Kar Wais Fallen Angels.

Eine Karte der Klänge von TokioDoch die große Poetin des Filmischen brilliert auch dieses Mal mit ihren Bildern, ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre, Schönheit und den großen Themen Liebe und Tod. Aber es ist eine Schönheit in Traurigkeit. Mit außergewöhnlicher filmtechnischer Souveränität komponiert die Katalanin den inneren Kosmos, spürt seismografisch in langsam fließender Erzählweise den Befindlichkeiten ihrer Figuren nach. Ihr inszenatorisches Raffinement drängt sich nie selbstgefällig in den Vordergrund. Manchmal freilich wirken die melancholischen Monologe aus dem Off teilweise etwas unbeholfen gegenüber der ausgereiften, eigenwilligen Bildsprache.

Die Kamera führt, exzellent wie in allen ihren Filmen, der Franzose Jean-Claude Larrieu. In scheinbarer Flüchtigkeit sammelt seine Kamera Fragmente von Augenblicken. Ihr Blick auf den sich verselbstständigenden Moloch Tokio ist phasenweise unruhig, findet keinen Halt in den Geometrien der urbanen Ordnung. In einem Moment wackelt die für kurze Sequenzen eingesetzte Handkamera, um im nächsten die Begegnung zwischen Mann und Frau als Moment absoluter Stille wahrzunehmen.

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